Kalle und das leere Land

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Kalle und das leere Land

Fernsehreportage  von Stephan Liskowsky und Dinah Münchow

MDR  2011  30 min

Einer der letzten Sprengmeister in der ostdeutschen Provinz. In den Neunzigern sprengte er riesige Anlagen der DDR-Industrie und damit nach und nach auch seine eigene Arbeit weg. Doch Kalle wäre nicht Kalle, wenn er aufgeben würde.

Ein kleiner Mann gegen 200 Tonnen Stahlbeton - ein riesiger Schornstein. Will Kalle die Spitze sehen, muss er mit der Hand die Augen gegen die Sonne abschirmen. Heute will er den langen Lulatsch platt machen, wenn alles gut geht.

Seit 30 Jahren ist der Mann aus der Börde im Geschäft. Sein Handwerk hat er in der DDR beim Autobahnbaukombinat gelernt. Doch Routine kennt er bis heute nicht. Jeder Auftrag ist eine neue Herausforderung. „Du musst Respekt haben vor den Riesendingern, sonst machst du Fehler.“ Und Kalle hat Respekt, jedes Mal steigt sein Blutdruck ins Unermessliche - bis kurz vor der Zündung. Herzklopfen, dass er bei seinen minutiösen Vorbereitungen etwas vergessen hat, dass ein Nachbargebäude getroffen wird, dass die Zündung im letzten Moment verreckt.

Seine größten Momente hatte der Sprengmeister nach der Wende. In den Neunzigern pulverisierte der heute 59jährige fast jede Woche ein anderes Industriegebäude. Über 500 Schornsteine hat er fallen lassen. Doch mit der DDR-Industrie sprengte er auch nach und nach seine eigene Arbeit weg. Auf dem riesigen Gelände des ehemaligen Chemiefaserwerks Wolpryla in Premnitz ragen heute keine Essen mehr in die Luft. In dem Vorzeigewerk, in dem Erich Honecker zur Eröffnung einst vor der Kamera posierte, hat Kalle mit aufgeräumt. Sein letzter Auftrag in Premnitz ist ein großer Treppenturm, den er mit chirurgischer Präzision vom Nachbargebäude absprengen muss.

Das Land ist leer, doch Kalle gibt nicht auf. Im Internet recherchiert er nun weltweit nach Aufträgen. In Finnland wartet ein alte Industrieanlage auf seinen Einsatz. Kalle ist sich sicher: Ein so erfahrener Sprengmeister wie er wird immer gebraucht.

 

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